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Arbeitsfähigkeit

 
Das ärztliche Zeugnis - Alibi, Freipass oder Schikane? 

Die korrekte Beurteilung der Arbeits-, Reise oder Sportfähigkeit ist eine komplexe Aufgabe, die in der Ausbildung der Mediziner - sowohl während des Studiums wie auch der Weiterbildungszeit im Spital - weitgehend ausgeklammert ist. Berufliche Erfahrung, psychologisches Einfühlungsvermögen, Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge, soziales Engagement für unsere Patienten und gleichzeitig unserem Staatswesen gegenüber werden verlangt. Wenn man bedenkt, dass allein die Schweizer Privatversicherer jeden Tag über 20 Millionen Franken an Kranken- und Invaliditätstaggeldern ausbezahlen, kann man die gesamtwirtschaftliche Bedeutung erahnen. Die SUVA hat ausgerechnet, dass im Jahr 70 Millionen Franken eingespart werden könnten, wenn nach einem Unfall die Arbeitsaufnahme schon am Donnerstag oder Freitag anstatt erst - wie anscheinend üblich - erst am Montag erfolgt.

Die Aerzteschaft ist häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie schreibe Gefälligkeitszeugnisse. Für Patienten ist es ein Leichtes, sich bei einem zweiten Arzt ein «genehmeres» Zeugnis zu beschaffen. In Holland ist man deshalb dazu übergegangen, dass die Arbeitsfähigkeit nicht von den an der Behandlung beteiligten Aerzten attestiert werden darf.

Die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit ist immer weniger eine Angelegenheit zwischen Patient und Arzt. Die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, die wirtschaftliche Situation von Arbeitgeberfirmen und die ungelöste Finanzkrise des Sozialstaates bei zunehmenden Leistungsansprüchen der Versicherten haben das Gewicht ärztlicher Zeugnisse erheblich ansteigen lassen. Es gehört zu unserem Alltag, dass uns die Patietnen die Vostellungen ihrer Vorgesetzten übermitteln, wann sie wieder am Arbeitsplatz erscheinen sollen. Zu Zeiten von Vollbeschäftigung und Personalknappheit muss dies möglichst früh sein. Bei unbefriedigendem Arbeitsvorrat nimmt der Druck von Arbeitgeberseite zu, krankheits- oder unfallbedingte Absenzen grosszügig zu beurteilen.

Es ist keine Seltenheit, dass uns mitgeteilt wird, ein wiedergenesener Arbeitnehmer erfülle die im Rahmen von «Restrukturierungsmassnahmen» gestiegenen Anforderungen nicht mehr. Häufig sind diese neuen Arbeitsbedingungen sogar die Ursache von psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen und sozialer Ueberforderung. In den letzten Jahren hat sich in diesem Zusammenhang eine neue «Schweizer Krankheit», das «Somatoforme Schmerzsyndrom» (anhaltende Schmerzen im Kopf, Rücken oder in inneren Organen ohne eine körperliche Erkrankung) entwickelt. Diese führt immer häufiger zur Invalidität. Hin und wieder erleben wir auch das Gegenteil: Patienten, die dringend einer Schonung bedürfen, lehnen die vorgeschlagene Arbeitspause ab, weil sie nicht Gefahr laufen möchten, im Betrieb als «angeschlagen» eingestuft zu werden. Dies kann zu erheblichen Folgeschäden führen, die schliesslich die Betroffenen, die Arbeitgeber und die Versicherungen teuer zu bezahlen haben.

Die Bereitschaft zur Reintegration angeschlagener Arbeitnehmerinnen oder -nehmer in den Arbeitsprozess wird immer geringer. Sowohl von öffentlichen wie von privaten Arbeitnehmern wird immer häufiger der Weg zur Frühpensionierung mit einer IV-Rente zur Milderung des finanziellen Verlustes angestrebt. Kein Wunder, dass die IV jedes Jahr mehr Rentner und höhere Rentenkosten verzeichnet!

Chronische Schmerzzustände erschweren eine berufliche Wiedereingliederung. Deshalb ist es äusserst wichtig, dass langfristige Absenzen möglichst vermieden, auf jeden Fall aber frühzeitig erfasst werden. Benötigt werden Möglichkeiten für eine dosierte Steigerung der Arbeitsbelastung. Arbeitgebern, die diese Bemühungen unterstützen, müssen Prämiensparanreize geboten werden. Jedem Betrieb, vor allem kleineren und mittleren Unternehmen, ist zu empfehlen, dass er sich in seinem «Abwesenheitsmanagement» von aussenstehenden Medizinalpersonen beraten lässt. So können auffällige Zeugnisse ohne Verletzung des Arztgeheimnisses rasch überprüft und versteckte Probleme am Arbeitsplatz oder im persönlichen Umfeld aufgedeckt werden.

Ohne Einwilligung der Patientin oder des Patienten dürfen die behandelnde Aerztin oder der der behandelnde Arzt auch Betriebs- oder Vertrauensärzten keine medizinischen Daten bekanntgeben. Wer sich durch Arztzeugnisse ungerecht beurteilt fühlt, kann sich vertraulich und unentgeltlich an die Ombudsstellen der Ärzteorganisationen wenden:

Ärztegesellschaft Baselland
Tel. 061 976 98 08
Medizinische Gesellschaft Basel
Tel. 061 278 93 80

Dr. med. Rudolf Ott
Facharzt für allgemeine Medizin FMH, Biel-Benken
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