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Psyche

 
Angststörungen und soziale Phobie

Stellen Sie sich vor, sie sitzen im Kino und es überkommt Sie plötzlich ein mulmiges Gefühl. Sie spüren, wie Ihr Herz bis zum Hals hin schlägt, Sie beginnen zu schwitzen, es wird Ihnen schwindlig und es schiesst Ihnen der Gedanke in den Kopf, wie doch Herr Meier, der 50-jährige Nachbar, nach kurzem Unwohlsein plötzlich verstarb. Sie spüren, wie die Kräfte schwinden und Sie haben den Eindruck, die letzten Sekunden Ihres Lebens seien angebrochen - Panische Angst - Sie stehen auf, Sie müssen dringend hinaus und zwängen sich quälend durch die Reihen...
Sie gehören zu den vielen Menschen unserer Zeit, welche eine Panikattacke erlitten haben. Ihr Hausarzt beschwichtigt Sie, es sei nichts schlimmes, es sei das vegetative Nervensystem. Aber Sie sind verunsichert. Sie gehen nicht mehr ins Kino. Dann passiert Ihnen dasselbe nochmals während dem Anstehen an einer Kasse im Warenhaus. Und so kann es weitergehen: Sie verzichten auf Ausflüge, weil Sie eine Sesselbahn benützen müssten, meiden Parkhäuser, das Tram und den Bus... Sie sind nicht alleine mit diesem Problem der Panikstörung und Platzangst. Andere entschuldigen sich vielleicht mit fadenscheinigen Ausreden von der Teilnahme an Familienfesten oder Einladungen.

Unterschiedliche und oft unbekannte Gründe haben plötzlich zu diesen, das private und berufliche Leben stark einschränkenden Behinderungen geführt. Aus Angst vor der Angst, führt dieses Vermeidungsverhalten zunehmend zu sozialem Rückzug und zur Isolation. Die davon betroffenen Menschen verlieren an Selbstvertrauen und suchen oft mit Beruhigungsmitteln wie Alkohol, Tabletten oder Zwangshandlungen ihren Aengsten zu entfliehen oder diese zu bekämpfen. Damit verstärkt sich aber der Teufelskreis und sie geraten meist ungewollt in neue Abhängigkeiten, die ihre Hilflosigkeit, Scham- und Schuldgefühle verstärken.

Das Problem mit der Angst bringt es mit sich, dass die Betroffenen ungern darüber mit Aussenstehenden sprechen. Sie fürchten, als Spinner abgetan zu werden. Dabei ist es aber gerade hier wichtig, dass darüber geredet wird. Bereits ein offenes Gespräch mit einer Fachperson, führt meist schnell zu einer Entlastung und lässt berechtigte Hoffnung auf Besserung. Die Betroffenen erfahren, dass der erlebte Abläufe, ein bekanntes und erklärbares Phänomen ist und nichts mit Feigheit, fehlendem Willen oder mangelnder Disziplin und Durchsetzungskraft zu tun hat.

Diese Angst kann als angelernte Reaktion verstanden werden, die sich auf drei Ebenen manifestiert. Auf der körperlichen Ebene mit Pulsbeschleunigung, schneller Atmung, feuchten Händen, Schwitzen, Zittern etc. Auf der Ebene der Gedanken führt die Angst zu katastrophalen Bewertungen und Selbstbeeinflussungen wie z.B. «Ich schaffe das nicht», «Was ist mit meinem Herzen los», «Ich glaube, ich muss sterben» u.s.w. Und drittens führt das Angsterleben zu einem bestimmten Verhalten, das gekennzeichnet ist durch Vermeiden von bestimmten Situationen, mit sozialem Rückzug als Folge.

Ist das Problem einmal erkannt, stehen heute bewährte Behandlungsmethoden zur Verfügung. Besonders bewährt haben sich das Entspannungstraining, die Kognitive Therapie (automatische Gedankenabläufe werden hinterfragt und korrigiert) und das Verhaltenstraining (Veränderung des Verhaltens).

Ein erster wichtiger Pfeiler in der Behandlung ist das Erlernen von Entspannungstechniken, mit denen die Angst frühzeitig körperlich beruhigt wird. Dazu stehen z.B. die progressive Muskelentspannung oder das Autogene Training zur Verfügung.

Im kognitven Teil des Trainings werden die katastrophalen Interpretationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und durch realistische Einschätzungen ersetzt, z.B.: «Herzklopfen ist Ausdruck der Angst und - obwohl unangenehm - harmlos und zeitlich begrenzt.»
Im dritten Teil wird im Rollenspiel geeignetes Verhalten im mitmenschlichen Kontakt eingeübt und später im Alltag «live» ausprobiert und trainiert.

Besonders erfolgreich sind Trainings in Gruppen, weil die Teilnehmenden durch den Austausch ihrer Erfahrungen aus ihrer Isolation heraustreten und von den Erfahrungen der Anderen Unterstützung und Ermutigung schöpfen. So gelingt es, aufkommende Paniksituationen durch Entspannung zu unterbrechen und auf die neu erlernten Verhaltenshilfen zurückzugreifen.
Mit diesen speziellen Fertigkeiten und Techniken gelingt es den Betroffenen, selbständig aus dem Teufelskreis von Körpersymptomen und katastrophalen Interpretationen auszusteigen.
Neben diesen psychotherapeutischen Behandlungsverfahren kann es unter Umständen auch sinnvoll sein, Medikamente einzusetzen. Rasch wirksam und hilfreich sind Beruhigungsmittel (Tranquilizer), welche aber die Gefahr der Abhängigkeit mit sich bringen und deswegen höchstens kurzzeitig eingesetzt werden sollten. Neuerdings werden auch Mittel zur Behandlung von Depressionen erfolgreich verordnet. Jedoch besteht die Gefahr, dass die Besserung dem chemischen Effekt und nicht der veränderten Denk- und Verhaltensweise zugeschrieben wird, was die eigene Sicherheit in der Angstbewältigung meist nicht gleich fördert, wie wenn diese aus eigenem Antrieb geschafft wird.

Mit der Angst ist es wie mit dem Schmerz: Eigentlich sollte sie uns als Wegweiser durch das gefahrvolle Leben helfen. Verselbständigt sie sich aber, wirkt sie störend und lebenseinschränkend. Diesen Weg zwischen Gefahr und Chance zu finden ist die Herausforderung, welche sich lohnt anzunehmen und anzugehen.


Dr. med. P. Loeb
Allgemeinmedizin FMH, Winkelriedplatz 4, 4053 Basel

und
Dr. med. Ch. Weber
Allgemeinmedizin FMH, Nonnenweg 20, 4055 Basel
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